Kanarische Inseln


Kanarische Inseln
Kanaren

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Ka|na|ri|sche Ịn|seln <Pl.>:
Inselgruppe im Atlantischen Ozean.

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I
Kanarische Inseln
 
Die sieben großen und sechs kleineren Kanarischen Inseln liegen etwa 100 Kilometer vor der Nordwestküste Afrikas. Die milden, ständig wehenden Passatwinde sorgen ganzjährig für ein sehr angenehmes Klima auf den Inseln. Sie wurden im dritten Jahrtausend v. Chr. besiedelt und galten in der Antike als die »Fortunatae Insulae (Glückliche Inseln), die weit draußen am Rand der Welt lagen. In der Spätantike gerieten die Kanaren in Vergessenheit und wurden erst 1312 neu entdeckt. Die Ureinwohner der Inseln, die Guanchen, lebten dort noch ohne Metalle (das Vulkangestein, aus dem die Inseln bestehen, enthält keine Metalle und Erze) aber in einer komplexen Gesellschaftsordnung. Die Inseln wurden im 15. Jahrhundert von den Spaniern erobert und bilden seither eine spanische Region, die in zwei Provinzen geteilt ist. Seit den späten 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte sich der Massentourismus.
 
 Geographie der Kanaren
 
Die Kanaren (spanisch Islas Canarias »Hundsinseln«) bestehen aus sieben großen und sechs kleinen Inseln, die im Atlantik 115 Kilometer vor der Nordwestküste Afrikas liegen. Von der Straße von Gibraltar sind sie etwa 1 000 Kilometer entfernt. Von Osten nach Westen erstreckt sich die Inselkette über mehr als 500 Kilometer, ihre Nord-Süd-Ausdehnung beträgt etwa 200 Kilometer (zwischen 27º 38' und 29º 25' nördlicher Breite und zwischen 13º 20' und 18º 9' westlicher Länge). Auf Lanzarote ganz im Osten folgen Fuerteventura, Gran Canaria, Teneriffa, La Gomera, La Palma und zuletzt El Hierro ganz im Westen.
 
Die Gesamtfläche der Inseln beträgt 7 447 Quadratkilometer und die Gesamteinwohnerzahl 1,607 Millionen (1997), wobei Teneriffa die größte und Gran Canaria die am dichtesten besiedelte Insel ist.
 
Politisch sind die Kanaren eine in zwei Provinzen aufgeteilte spanische Region (Islas Canarias) mit der Hauptstadt Las Palmas de Gran Canaria: die östliche Provinz Las Palmas de Gran Canaria mit den Inseln Gran Canaria, Fuerteventura und Lanzarote und die westliche Provinz Santa Cruz de Tenerife mit den Inseln Teneriffa, La Palma, Gomera und El Hierro.
 
 Geologie der Kanaren
 
Die Kanarischen Inseln entstanden im Tertiär und Quartär durch unterseeischen Vulkanismus. Die mächtigen Vulkanberge der westlichen Kanareninseln erheben sich aus etwa 3 000 Metern Wassertiefe bis in eine Höhe von maximal 3 718 Metern über dem Meeresspiegel, im Falle des höchsten Berges der Kanaren, dem Pico de Teide auf Teneriffa. Einige der Vulkane sind heute noch aktiv, zuletzt der Teneguia auf La Palma im Jahre 1971.
 
Die Wassertiefe zwischen den Inseln liegt bei etwa 1 000 bis 2 500 Metern. Die beiden östlichen Inseln (Lanzarote und Fuerteventura) hingegen sitzen dem afrikanischen Schelf auf.
 
 Klima, Vegetation und Fauna
 
Auf den Kanaren herrscht subtropisches Meeresklima mit milden Wintern und gemäßigten Sommern. Hierfür sorgt u. a. der relativ kühle Kanarenstrom, der die Wassertemperaturen im Sommer bei 22 ºC und im Winter bei 19 ºC hält. Der überaus angenehme, trockene Nordostpassat, den Homer als den »lieblichen Säuselwind« bezeichnete, weht das ganze Jahr über. Nur im Winter wird der trockene Passat gelegentlich durch Regen unterbrochen, die jährliche Niederschlagsmenge liegt bei 100 bis 450 Millimetern.
 
Die Klima- und Vegetationszonen sind auf den Kanaren von der Lage (Luv- oder Leeseite der Insel) und von der Höhe her sehr unterschiedlich. Die den Passatwinden zugewandte Luvseite der Inseln (der Nordosten) ist wesentlich feuchter als die windabgewandte Leeseite. Auf Gran Canaria beispielsweise ist der Südwesten der Insel zwischen El Oasis und San Nicolás de Tolentino äußerst karg und nur dünn besiedelt, wohingegen der Nordosten mit der Hauptstadt Las Palmas de Gran Canaria inmitten von Bananen- und Zuckerrohrplantagen liegt. Daneben sind die Inseln auch noch vertikal in recht unterschiedliche Klimazonen aufgeteilt. Vom Meeresspiegel bis auf etwa 600 Meter Höhe reicht die trockene und heiße Tiefenzone. Darüber schließt sich die Höhenzone an, in der die von den Passatwinden mitgeführten Wolken für kühleres Klima mit feuchten Nebelschwaden (so genannte Bruma) und gelegentlichem Regen sorgen. Diese feuchte und kühle Mittelzone reicht bis auf 1 500 Meter Höhe, wo sich eine trockenwarme Inversionszone anschließt. Ab etwa 2 000 Meter Höhe folgt darauf die trockenkalte Hochgebirgszone.
 
Die Vegetation der Kanarischen Inseln ist in fünf Höhenstufen gegliedert. Dies sei hier am Beispiel der im Passatschatten liegenden Südseite Teneriffas kurz erläutert. Die Küste ist ein schmales wüstenhaftes Gebiet, das an die auf dem Festland gegenüber liegende Sahara erinnert. Die an die Küstenebene anschließenden Steilhänge sind eine von Sukkulenten bewachsene Halbwüste. An sie schließt sich oberhalb die montane Waldstufe an. In der feuchten Wolkenzone wuchsen dort ursprünglich Lorbeerwälder (heute nur noch Reste vorhanden) und darüber Wälder, in denen die Kanarische Kiefer vorherrscht. Oberhalb der Waldgrenze liegt die alpine Stufe mit hauptsächlich Ginstersträuchern und oberhalb von 3 100 Metern wachsen nur noch Kryptogamen.
 
Sehr viele Pflanzen sind auf den Kanaren endemisch (kommen nur dort vor) wie beispielsweise der Drachenblutbaum, die Kanarenpalme, die Kanarische Kiefer, der Rote und der Blaue Teidenatternkopf und das Teideveilchen. Andere stammen aus dem Mittelmeerraum wie beispielsweise Lorbeer, Oleander und Baumheide. Durch Abholzung und Aufforstung mit fremden Pflanzen hat sich die ursprüngliche Vegetation der Kanaren stark verändert. Inzwischen findet man hier Vertreter vieler Pflanzenarten aus den tropischen und subtropischen Gebieten der Erde, z. B. Agaven, Avocados, Bougainvilleas, Eukalypten, Kaffee, Passionsblumen usw.
 
Die Tierwelt der Kanaren ist weniger artenreich. Die Besiedlung erfolgte sporadisch von der Iberischen Halbinsel und von Nordafrika aus. Kaninchen sind das einzige jagdbare Wild, Eidechsen und Geckos sind sehr verbreitet, Giftschlangen und Skorpione fehlen völlig. Zur reichhaltigen Vogelwelt gehören der Wiedehopf sowie viele endemische Arten wie etwa der Kanarienvogel und der Teidefink.
 
 
Rund 80 % aller Beschäftigten auf den Kanaren leben direkt oder indirekt vom Fremdenverkehr. Das milde Klima und die landschaftliche Schönheit lockten schon ab dem 19. Jahrhundert Fremde nach den Kanaren, aber erst ab den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts begann der Massentourismus auf den »Glücklichen Inseln«, die Hauptsaison ist im Winter. Insbesondere bei Briten und Deutschen sind die Kanaren als Urlaubsziel beliebt, im Jahre 1999 kamen insgesamt 5,07 Millionen Gäste. Auf Teneriffa gibt es eine Erdölraffinerie und eine Kunstdüngerfabrik, ansonsten werden auf den Kanaren Bananen, Tomaten, Frühkartoffeln, Gemüse, Obst, Zwiebeln, Mandeln, Tabak, Wein, Mais, Weizen, Gerste angebaut. Die Zucht von Cochenilleläusen liefert den begehrten Naturrohstoff Karmin für Lippenstifte. Fischfang (Thunfisch, Heilbutt), Tierzucht (Schafe, Ziegen, Rinder, Schweine) und traditionelle Handwerksarbeiten wie Stickerei, Klöppeln und Töpferei runden die wirtschaftlichen Erträge der Kanaren ab. Daneben führt die äußerst verkehrsgünstige Lage der Kanarischen Inseln dazu, dass die Häfen der Inseln zu wichtigen Stützpunkten für den Handel geworden sind. Kolumbus hatte hier auf seinen Amerikafahrten seinen letzten Stützpunkt auf spanischem Boden.
 
 Die Kanarischen Inseln für Touristen
 
Auf den Kanarischen Inseln gibt es viele recht gegensätzliche Dinge für den Reisenden zu entdecken: Ruhe in einsamer Bergwelt und Nachtleben in Bars und Diskotheken, Hochgebirgswanderungen und (schwarze Lava- und weiße) Sandstrände, sportliche Aktivitäten aller Art (Drachen- und Gleitschirmfliegen, Golf, Radfahren, Reiten, Tauchen, Tennis, Windsurfing etc.) und archäologische Stätten. Manchmal tagelang anhaltende Nebelschwaden bewirken z. B. auf La Gomera eine üppige Vegetation (immergrüner Nebelwald). Schwarze Lavageröllhalden und aufsteigende Schwefeldämpfe zeugen vom vulkanischen Ursprung der Inseln. Unterkünfte werden in »Hotelburgen« aller Klassen, in Landhäusern, in kleinen ländlichen Hotels oder in Fincas angeboten.
 
 
Auf Lanzarote gibt es viele helle Sandstrände und Übernachtungsmöglichkeiten aller Art, vor allem in den Urlauberzentren Costa Teguise, Puerto del Carmen und Playa Blanca. Der Künstler César Manrique hat die bizarr-schöne Insel zu einem Gesamtkunstwerk umgestaltet, seine Skulpturen und Arrangements sind überall zu finden. 1974 wurde das Gebiet der »Montañas del Fuego« (Feuerberge) zum Nationalpark »Parque Nacional de Timanfaya« erklärt.
 
 
Die Passatwinde tragen permanent Saharasand nach Fuerteventura, sodass dessen fast 30 Kilometer langen Sandstrände mit ihren sanften Dünen zu den schönsten Stränden der Welt zählen. Zentren des Badetourismus sind Corralejo und die Halbinsel Jandia. Vor den Stränden mit ihren Hotels, Appartementanlagen und Klubs kann man Windsurfen. Unterwassernaturparks haben eine reiche Fauna.
 
 
Gran Canaria bietet wohl die größte Vielfalt an touristischen Attraktionen der Kanaren. Neben den 43 dunklen und hellen Sandstränden (u. a. Puerto Rico, Maspalomas und Playa des Inglés) mit den zugehörigen Hotels, Bars, Diskotheken, Cafés, Pubs gibt es auch Erlebnisparks und Spielkasinos. Bergwanderungen lohnen sich hier, vor allem die zum Roque Nueblo (1 803 Meter). Von der Mitte der Insel aus führen tief eingeschnittene Barrancas (Flusstäler) strahlenförmig in alle Himmelsrichtungen. Der »Barranco de Agaete« gehört mit seinen fast senkrechten Wänden zu den sehenswertesten Flusstälern der Insel. In dem Dorf Artenara sind noch Höhlenwohnungen zu besichtigen und vor allem die Metropole Las Palmas de Gran Canaria bietet kunsthistorische Baudenkmäler, Gemälde und Plastiken der spanischen Epoche. Auch die Ureinwohner der Kanaren, die Guanchen, haben auf dieser Insel ihre Spuren hinterlassen, wie die Nekropole von La Guancha oder das Höhlenkloster von Cenobio de Valerón.
 
 
Auf Teneriffa gibt es eine ähnliche Vielfalt der Sehenswürdigkeiten wie auf Gran Canaria. Ein touristischer Höhepunkt ist die zweitägige Wanderung auf den Pico del Teide. Die Straße führt bis auf 2 356 Meter Höhe hinauf, bis zur Talstation der Seilbahn. Alle zehn Minuten fährt eine Gondel nach oben zur Bergstation in 3 555 Metern Höhe. Von hier aus führt ein Pfad vorbei an schwefeligen Dämpfen hin zum Gipfel des Vulkans an der gegenüberliegenden Kraterwand, der allerdings für die Allgemeinheit inzwischen gesperrt ist. Der Blick von hier ist überwältigend. Afrika im Osten, östlich und westlich die anderen Kanarischen Inseln, im Norden die unendliche Weite des Atlantischen Ozeans. Alexander von Humboldt notierte an dieser Stelle im Jahre 1799, das man von hier aus in 3 718 Metern Höhe 115 000 Quadratkilometer sähe, die Hälfte von Deutschland in Nord-Süd-Richtung.
 
 
Diese Insel ist touristisch weniger erschlossen als die vorher genannten. Die Natur der Insel ist weitgehend unberührt, Strände sind selten. Der Lorbeerwald um den Vulkankegel Garajonay herum wurde als erster Wald der Welt zum Erbe der Menschheit erklärt. Touren dorthin gehören zu den Höhepunkten des Inselaufenthaltes. Vor der Küste der Insel halten sich besonders viele Wale auf, die behutsam beobachtet werden können.
 
 
La Palma zieht vor allem Wanderer an. Sehenswert sind die Hauptstadt Santa Cruz de La Palma mit ihrer kolonialen Architektur und die Caldera de Taburiente, ein riesiger Krater. In der Höhle von Belmaco finden sich Felsbilder der Guanchen.
 
 
Die kleinste der Kanarischen Inseln ist auch die am wenigsten erschlossene. Strände sind kaum vorhanden, ebenso wenig wie große Hotelanlagen oder ein nennenswertes Nachtleben. Die Hauptstadt Valverde gleicht einem Dorf. Schroffe Küste, sanfte Hügel, Pinienwälder und schwarze Lavawüsten prägen die Landschaft.
 
 Geschichte der Kanarischen Inseln
 
Die erste Besiedlung der Kanarischen Inseln durch den Menschen fand vermutlich im dritten Jahrtausend v. Chr. statt. Woher die Siedler der Inseln kamen und welcher Kultur sie angehörten, ist unsicher. Wahrscheinlich setzten sie im Neolithikum von der nordwestafrikanischen Küste aus zu den Inseln über oder sie wurden von dem heftigen ablandig wehenden Harmatan, dem Nordostpassat, zufällig dorthin getrieben. Dieser Wind weht auch heute noch Saharasand und gelegentlich Heuschreckenschwärme auf die Kanaren. Sprachliche Untersuchungen ergaben eine gewisse Verwandtschaft mit den berberischen Sprachen Nordafrikas. Einige Bauten im zyklopischen Stil weisen auf Verbindungen zur Megalithkultur hin. In Stein gehauene Inschriften haben eine gewisse Ähnlichkeit mit der minoischen Linear-A-Schrift, sodass eventuell eine gemeinsame Quelle für beide Schriften in Nordafrika existierte. Die Sitte der Mumifizierung, die von den spanischen Eroberern der Inseln ausführlich beschrieben wird, hat ihre Parallelen in Ägypten, sodass auch hier eine gemeinsame Quelle vorliegen könnte. Der vulkanische Boden der Inseln enthält keine Metallvorkommen, und Anzeichen für einen Fernhandel der kanarischen Urbevölkerung gibt es nicht. Dadurch lässt sich das Fehlen jeglicher metallener Gegenstände erklären. Wer als Erster aus unserem Kulturkreis kommend die Kanarischen Inseln erreichte, wissen wir nicht, es ist aber sehr wahrscheinlich, dass es sich dabei um phönizische Seefahrer handelte, die um 1 100 v. Chr. von ihrem Stützpunkt Gades (Cádiz) aus Entdeckungsfahrten an der afrikanischen Küste entlang unternahmen. Sie steuerten hierbei die Kanaren an und nahmen Orchillaflechten (Rocella tinctoria) mit, aus denen sie einen überaus kostbaren purpurfarbenen Farbstoff herstellten. Aus dieser Zeit stammt der Name Purpurinseln oder Purpurarien für die östlichen Inseln Lanzarote und Fuerteventura. Die Karthager übernahmen diesen Handel. Vielleicht hat sich die Kunde über die klimatisch begünstigten Inseln bereits im achten Jahrhundert v. Chr. in der Odyssee des griechischen Dichters Homer niedergeschlagen.
 
Plutarch (50-125 n. Chr.) preist das goldene Zeitalter, das auf den »Glücklichen Inseln« herrsche, mit ihren fruchtbaren Landschaften, ihrem milden Klima und ihren gastfreundlichen Bewohnern. Der Geograph Claudius Ptolemäus (85-160 n. Chr.) ließ seinen Nullmeridian durch die Insel El Hierro laufen und bezeichnete die Kanaren in seinem Kartenwerk als »insulae fortunatae«. Der Name Kanaren stammt nach der Meinung einiger Forscher von Plinius dem Älteren, der die gesamte Inselgruppe als »Glückliche Inseln« bezeichnete, aber Gran Canaria bereits Canaria nannte, wegen der vielen dort lebenden Hunde (lat. canis).
 
Die Kanarischen Inseln lagen aber in der Antike immer am äußersten Rand der bekannten Welt und gerieten in der Spätantike in Vergessenheit. Im Jahre 1312 wurde die Inselgruppe von dem Genueser Seefahrer Lancelotto Malocello wieder entdeckt. Die nordöstliche Insel Lanzarote, auf der er gelandet war, ist nach ihm benannt. Schon bald begannen die Versuche die Inseln zu erobern. Heinrich III. von Kastilien beauftragte Jean de Béthencourt mit der Eroberung. Diesem gelang es, den Stammesfürsten von Lanzarote, Häuptling Guarafira, und dessen Volk für das Christentum zu gewinnen, wodurch diesem die Sklaverei erspart blieb. Nach der Eroberung von Lanzarote machte er diese Insel zu seiner Operationsbasis. 1405 eroberte er in einem »starken Abenteuer« (fuerte ventura) die Nachbarinsel und errichtete dort seine Hauptstadt Betancuria. Béthencourt eroberte noch im gleichen Jahr El Hierro und La Gomera. Die Versuche, La Palma und Gran Canaria zu erobern, schlugen fehl. Gran Canaria wurde zwischen 1478 und 1483 von Juan Rejón erobert, La Palma 1492 durch Verrat von Alonso Fernández de Lugo. Teneriffas Ureinwohner, die Guanchen (altkanarisch guan = Sohn, achinech = Teneriffa, also Söhne Teneriffas; heute werden allerdings alle Ureinwohner unter dem Begriff Guanchen zusammengefasst), waren besonders tapfere Kämpfer, die sich der Eroberung erbittert widersetzten und den Spaniern 1494 bei dem heutigen Ort La Matanza de Acentejo (das Gemetzel von Acentejo) eine vernichtende Niederlage beibrachten. Erst als eine von den Spaniern eingeschleppte Krankheit die Guanchen schwächte, gelang die Eroberung Teneriffas. Von den Konquistadoren und ihren Chronisten sind uns Berichte über die ursprüngliche Lebensart der Ureinwohner, der Canarios, wie sie die Spanier nannten, überliefert. Sie werden als großmütige und ehrenhafte Menschen geschildert, die weder grausam noch wortbrüchig waren, im Gegensatz zu den Spaniern. Sie ernährten sich von Ackerbau und Viehzucht (Ziegen, Schafe und Schweine) und wurden von Königen regiert, die auf Teneriffa und La Palma Mencey hießen und auf Gran Canaria Guarnateme. Die Thronfolge war rein mutterrechtlich geregelt, sodass ein regierender König von dem Gatten seiner Tochter verdrängt werden konnte. Die Gesellschaft war in drei Klassen aufgeteilt: in die Angehörigen des Königs, den Adel und die restliche Bevölkerung. Die Canarios verehrten einen einzigen allmächtigen Gott: Abora. Und genau wie bei den Christen hatte er einen mächtigen Gegenspieler: Guayote. Dieses kanarische Pendant zum Teufel war im Krater des Teide eingeschlossen und bestrafte die Menschen mit Vulkanausbrüchen für ihre Vergehen. Die Übernahme des Christentums war also keine allzu große Veränderung im Glauben. Ihre außergewöhnliche Intelligenz erlaubte es den Canarios außerdem, sich schnell an die Spanier anzupassen. Spanier und Canarios vermischten sich rasch zu dem Volk, das auch heute noch die Kanarischen Inseln bewohnt. Während der Kämpfe um Teneriffa segelte Christoph Kolumbus am 6. September 1492 von Gomera aus nach Westen und entdeckte Amerika. Die Kanaren wurden daraufhin ein wichtiger spanischer Handelsstützpunkt, der mehrfach von französischen, holländischen und englischen Piraten heimgesucht wurde. 1797 belagerte Lord Nelson vergeblich Teneriffa und büßte bei den Kampfhandlungen sogar seinen rechten Arm ein, der vor Ort amputiert und im Meer versenkt wurde. 1902 schlugen spanische Truppen eine lokale Unabhängigkeitsbewegung nieder, 1912 wurden die Cabildos insulares, eine Art lokale Selbstverwaltung, eingerichtet, und 1927 folgte die Teilung in die zwei Provinzen, die heute noch bestehen. 1936 rief General Franco, der Chef des kanarischen Militärs, im Esperanzawald auf Teneriffa die nationale Erhebung gegen die republikanische Regierung in Madrid aus und startete damit den Spanischen Bürgerkrieg, der das Land bis 1939 verheerte und in eine faschistische Diktatur einmündete, die erst 1975 endete. 1983 erhielten die beiden kanarischen Provinzen ein Autonomiestatut.
 
II
Kanarische Ịnseln,
 
Kanaren, spanisch Ịslas Canạrias [»Hundsinseln«; von Plinius dem Älteren wegen der großen Anzahl der dort beobachteten Hunde »Canaria« genannt], spanische Inselgruppe im Atlantik vor der Nordwestküste Afrikas, zugleich spanische Region, 7 273 km2, 1,63 Mio. Einwohner; Hauptstadt ist Las Palmas de Gran Canaria; besteht aus sieben größeren und sechs kleineren Inseln und umfasst die beiden Provinzen Las Palmas und Santa Cruz de Tenerife. Bewohnt sind Hierro, La Palma, Gomera, Teneriffa, Gran Canaria, Fuerteventura, Lanzarote und Graciosa; zwischen ihnen besteht Fährverkehr. Die Kanarischen Inseln entstanden durch untermeerischen Vulkanismus im Tertiär/Quartär; die beiden östlichen Inseln Lanzarote und Fuerteventura sitzen dem afrikanischen Schelf (kürzeste Entfernung zum Festland: 115 km) auf. Die übrigen Kanarischen Inseln erheben sich aus 3 000 m Meerestiefe (1 000 m tief zwischen einzelnen Inseln) mit mächtigen, bis in die jüngste Zeit tätigen Vulkanbergen, die vielfach von tief eingeschnittenen Trockenschluchten (Barrancos) zertalt sind. Der höchste ist der Pico de Teide (3 718 m über dem Meeresspiegel) auf Teneriffa.
 
Das Klima ist ozeanisch-subtropisch mit milden Wintern und gemäßigten Sommern; die Wassertemperaturen liegen infolge des relativ kühlen Kanarenstroms im Winter bei 19 ºC, im Sommer bei 22 ºC. Nur kurze Winterregen unterbrechen den sonst dauernd wehenden trockenen Nordostpassat (jährliche Niederschläge: 100-450 mm). Wie bei allen Passatinseln besteht jeweils ein großer Unterschied zwischen der (feuchteren) Luv- und der Leeseite. Die ausgeprägte Höhenstufung reicht von einer trockenheißen Tiefenzone (bis 500-600 m über dem Meeresspiegel) über eine kühlere, niederschlagsreichere Mittelzone (bis 1 500 m, oft tagelang feuchte Nebelschwaden, »Bruma« genannt) und eine trockenwarme Inversionszone (bis 2 000 m) bis zu einer trockenkalten Hochgebirgszone (über 2 000 m über dem Meeresspiegel). Größere ständig fließende Wasserläufe gibt es nur auf La Palma und Gomera, verbreitet sind jedoch Quellen und beträchtliche Grundwasservorräte. Wassermangel wird zum Teil durch Meerwasserentsalzung behoben.
 
Bemerkenswert an der Vegetation der Kanarischen Inseln (besonders von Teneriffa und Gran Canaria) sind die markante Gliederung in Höhenstufen sowie der vergleichsweise hohe Anteil an endemischen Pflanzen (z. B. viele Aeoniumarten, Drachenblutbaum, mehrere Euphorbienarten, Kanarenpalme, Kanarische Kiefer, Roter und Blauer Teidenatternkopf, Teideveilchen). Die restliche Pflanzenwelt setzt sich aus hauptsächlich aus dem Mittelmeerraum stammenden Pflanzen (Baumheide, Oleander, Lorbeer u. a.) zusammen sowie aus Vertretern der tropischen und subtropischen Zonen der ganzen Erde (z. B. Agave, Avocado, Bougainvillea, Eukalyptus, Kaffee, Papageienblume, Passionsblume, Weihnachtsstern). Die Vegetation gliedert sich in fünf Höhenstufen (am Beispiel Teneriffas): die im Passatschatten liegende Südküste, die ein schmales, wüstenhaftes Gebiet mit saharoafrikanischen Elementen darstellt, die darüber liegenden Steilhänge, eine von Sukkulenten bewachsene Halbwüste. Die montane Waldstufe ist in der Wolkenzone durch Lorbeerwälder (nur noch Reste vorhanden) und darüber v. a. durch die Kanarische Kiefer charakterisiert. Oberhalb der Waldgrenze finden sich v. a. Ginstersträucher, deren erst geschlossene Bestände sich in der alpinen Stufe langsam auflockern (hier finden sich auch Teideveilchen, Teidenatternkopf u. a. Endemiten); oberhalb 3 100 m über dem Meeresspiegel wachsen nur noch Kryptogamen. Die ursprüngliche Vegetation ist durch Eingriffe des Menschen (Abholzung, Kultivierung, Bodenabtragung, Aufforstung mit fremden Arten) weitgehend vernichtet worden. Die Kanarenpalme und der Drachenblutbaum kommen praktisch nur noch in Gärten vor. - Die im Vergleich zur Pflanzenwelt weniger artenreiche Tierwelt gehört zur mediterranen Faunenprovinz. Die Besiedlung der Inseln erfolgte von der Iberischen Halbinsel und vom Festland Nordafrikas. Eine anschließende Radiation führte zu einer hohen Zahl von endemischen Arten, z. B. bei den Zipfelkäfern (Malachiidae) mit 72 Arten auf den Kanarischen Inseln. Zur reichhaltigen Vogelwelt gehören Kanarienvogel, Teidefink und der häufig zu beobachtende Wiedehopf. Giftschlangen und Skorpione fehlen.
 
 
und Siedlungen haben spanischen Charakter. Die ursprüngliche Bevölkerung der Guanchen wurde im 15. Jahrhundert von den spanisch-kastilischen und von ihnen beauftragten normannischen Eroberern fast völlig aufgerieben; die Überlebenden gingen in der spanischen Bevölkerung auf.
 
 
am höchsten entwickelt sind Teneriffa (Erdölraffinerie, Kunstdüngerfabrik) und Gran Canaria, in starker Aufwärtsentwicklung befinden sich La Palma, Fuerteventura, Lanzarote und Gomera. Anbau von Bananen, Tomaten, Frühkartoffeln, Gemüse, Obst, Zwiebeln, Mandeln, Tabak, Wein für den Export, ferner für den Eigenverbrauch Mais, Weizen, Gerste, Hülsenfrüchte; Zucht von Koschenille-Schildläusen, aus denen der Farbstoff Karmin gewonnen wird; bedeutender Fischfang (besonders Thunfisch, Heilbutt); Schaf-, Ziegen-, Rinder- und Schweinehaltung; Meersalzgewinnung. Vielfältiges traditionelles Gewerbe: v. a. Stickerei, Klöppeln, Töpferei, Messerarbeiten, Korbflechterei. Wichtigster Wirtschaftszweig ist dank des milden Klimas und der landschaftlichen Schönheit der Fremdenverkehr (besonders im Winter), der seit Ende der 1960er-/Anfang der 1970er-Jahre einen boomartigen Aufschwung nahm; 1993: 22,86 Mio. Fremden- (davon 18,37 Mio. Ausländer-)Übernachtungen (besonders Briten und Deutsche). Rd. 80 % aller Beschäftigten leben direkt oder indirekt vom Tourismus. Gefördert wird diese Entwicklung durch die Zollfreiheit (seit dem 19. Jahrhundert) für Waren aus allen Kontinenten. Wegen der strategisch erstrangigen Verkehrslage sind die Flughäfen und Häfen der Kanarischen Inseln Stützpunkte für den Luft- und Schiffsverkehr zwischen Europa, Afrika und Nord- und Südamerika sowie für die US-Raumfahrt.
 
 
Die wahrscheinlich schon den Phönikern bekannten Kanarischen Inseln, von römischen Schriftstellern als Fortunatae Ịnsulae (»Glückliche Inseln«) bezeichnet, wurden im 11. Jahrhundert von Arabern aufgesucht, denen im 14. Jahrhundert Genuesen, Spanier, Portugiesen und Franzosen folgten. Um den Besitz der Inseln stritten sich Kastilien und Portugal. Die Inseln Gran Canaria, La Palma und Teneriffa wurden 1478-96 im Auftrag der Katholischen Könige unterworfen und kastilischer Kronbesitz, während Portugal im Frieden von Alcáçovas (1479) auf seine Ansprüche verzichtet hatte. Für die spanischen Amerikafahrten waren die Kanarischen Inseln wichtige Zwischenstation. 1902 schlugen spanische Truppen eine lokale Unabhängigkeitsbewegung nieder. Die Inseln bildeten weiterhin eine Provinz, die 1927 wegen interner Streitigkeiten in die Provinzen Las Palmas (mit Gran Canaria, Fuerteventura, Lanzarote, Graciosa u. a.) und Santa Cruz de Tenerife (mit Teneriffa, La Palma, Gomera, Hierro u. a.) aufgeteilt wurde. 1936 waren die Inseln Ausgangspunkt der militärischen Aktion Francos gegen die republikanische Regierung. 1983 erhielten die beiden Provinzen ein Autonomiestatut. Stärkste regionale Partei ist die »Agrupación Independientes de Canarias« (AIC).
 
 
I. Schwidetzky: Die vorspan. Bev. der K. I. (1963);
 
Biogeography and ecology in the Canary Islands, hg. v. G. Kunkel (Den Haag 1976);
 J. Mercer: The Canary islanders. Their prehistory, conquest and survival (London 1980);
 G. Kunkel: Die K. I. u. ihre Pflanzenwelt (31993);
 P. Rothe: K. I. Lanzarote, Fuerteventura, Gran Canaria, Tenerife, Gomera, La Palma, Hierro (21996).
 

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Ka|na|ri|sche Ịn|seln <Pl.>: Inselgruppe im Atlantischen Ozean.

Universal-Lexikon. 2012.

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